';
200 Jahre närrische Geschichte

Helau, Bühl! Haltet die Lichtputzscher’ fest, denn unsere Fastnacht ist steinalt – seit 1534 schon putzen wir jedem das Licht, wenn’s im Oberstüble dunkel wird! Und das trotz dreifacher Brandstiftung im 17. Jahrhundert – die Bühler, vom Wein gesegnet, feiern einfach immer weiter!

Im Herzen der Gaudi thronte die „Bühler Narrengesellschaft“ mit ihrem berühmt-berüchtigten Narrenbuch! Dieses in Schafspelz gebundene Werk war der Endgegner aller Dummheiten, denn es prangerte menschliche Torheiten an. Keine dumme Tat blieb ungeschoren! „Gib acht, du kommst ins Bühler Narrenbuch!“, hieß es da – ein Satz, der manchem den Fasnachts-Sekt im Halse stecken ließ!

Doch halt! Das erste Narrenbuch war der Kirche ein Dorn im Auge, triefend von „schlüpfrigen Witzen“! Die Zensur schlug zu: Anstößiges wurde geschwärzt, der Rest in ein neues Buch kopiert, und das Original landete… im Feuer! So entstand 1701 das zweite Narrenbuch, dessen Verbleib bis heute ein närrisches Mysterium ist.

Dann kam der Bühler Narrendaddel! Theodor Kunz, alias ‚Kunze Dorus‘, ein verkrachter Korbmacher-Student, der sich dem „Phänomen des Durstes“ verschrieben hatte – seine Superkraft war Lesen und Schreiben! Er zog mit dem gefürchteten Narrenbuch durch die Kneipen und schnitt den Angeprangerten mit der Lichtputzschere symbolisch den „Docht“ ab. Aber Oje! Er nahm’s wohl zu ernst: Auf einer Zechtour wurde der „sternhagelvolle Narrendaddel“ erschlagen und in den Mühlkanal geworfen! Kein Wunder, dass die Zunft im 18. Jahrhundert sogar zweimal verboten wurde – sie trieb’s wohl „ziemlich toll“! Doch ein echter Narr stirbt nie ganz: Seit 1977/1993 ist der Narrendaddel wieder da, mit dem Buch auf der Bühne und dem neuen Narren-Gesetz: „Allen zur Freud‘ und niemand zum Leid‘“!

Das Jahr 1826 war ein echtes Narren-Revival! „Kaffeefritz“ Florian Fritz suchte vergeblich das zweite Narrenbuch und legte kurzerhand das „pudelnärrische“ dritte Narrenbuch an. Dieses Prachtstück, in Schafsfell gehüllt mit einem flauschigen Lämmerschwanz als Lesezeichen, wurde der Grundstein der heutigen Fastnacht! Zuerst waren die Narren noch „schreibfaul“, doch Hanswurst XIII rüttelte sie mit einem „vorlauten Vorwort“ wach: „Jeds Jahr soll man Salamander reiben und alles in das Buch einschreiben!“. Ab 1858 wurde das Buch dann zum Protokoll, mit dem goldenen Narren-Gesetz: „Hier wird vor allem vorausgesetzt, dass keinen irgendein Spaß verletzt“!

In den 1860ern gab’s ein Upgrade: Aus der Narrenzunft wurde die „Narrhalla“ – kölsche Töne klangen an! Jedes Jahr gab’s einen „Prinzen Karneval, Graf von Vimbi“, öffentlich verlobt mit Prinzessin Bülottia! Mit „Spektakelrat“ und „Keuschheitsrat“ wurden sogar strenge Gesetze erlassen, denn die Narren trieben’s wohl bunt genug!

Selbst in „dunklen Zeiten“ ließ sich die Bühler Fastnacht nicht unterkriegen! Wirtschaftskrise 1932 sorgte für Verbote, und im Dritten Reich 1935 schwieg mancher Büttenredner aus Angst. Doch die Bühler Narrhalla hat allen Stürmen getrotzt und feiert bis heute die närrische Freud‘!

 

Die närrische Zeitleiste
1993
Wiederbelebung des Narrendaddels auf der Narrhalla Bühne
Seit diesem Jahr tritt die Symbolfigur der Bühler Fastnacht, der Narrendaddel, wieder mit dem Narrenbuch auf der Narrhalla Bühne auf
Die Auftritte erfolgen getreu dem historischen Vorbild, jedoch verpflichtet dem heutigen Motto „Allen zur Freud‘ und niemand zum Leid‘
1987
Einführung des fünften Narrenbuches
Roland Julius Meixel übernahm das Ehrenamt als Narrenbuchschreiber und begründete ein fünftes Narrenbuch. auf
1977
Wiederbelebung der Narrendaddel-Figur
Die Figur des Narrendaddels wurde in der Bühler Fastnacht wiederbelebt
Zunächst trat er mit Maske und begleitet von Lichtputzern in der StraßenFastnacht auf
1976
Schenkung des vierten Narrenbuches
Die Stadt Bühl stiftete unter Oberbürgermeister Erich Burger zum 150-jährigen Jubiläum der Narrhalla Bühl ein neues viertes Narrenbuch
Es handelte sich um einen in Leder gebundenen Folianten mit dem Bühler Stadtwappen
Dieses Buch wurde über Jahre von Knut Schönith und Oskar Scharf als Chronisten geführt
1969
Letzte Eintragung im dritten Narrenbuch


Die letzte Eintragung im dritten Bühler Narrenbuch stammt aus diesem Jahr
Dieses Narrenbuch wird heute im Bühler Stadtgeschichtlichen Institut aufbewahrt

ca. 1960
Umbenennung in „Narrhalla“ und rheinische Einflüsse


In diesen Jahren wurde statt des Namens „Narrenzunft“ die modernere Bezeichnung „Narrhalla“ verwendet
Die Anklänge an den rheinischen Karneval wurden spürbar
neues viertes Narrenbuch

1935
Ruhige Fastnacht in der dunklen Zeit


Die Fastnacht verlief „Mangels Stoff und mangels Masse“ in ruhigen Bahnen
Es fand keine offizielle Fastnacht statt, da die „glänzendsten Büttenredner“ aus Angst vor Beleidigungsprozessen, Klagen und Geschäftsschädigungen geschwiegen hatten

1932
Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Fastnacht


Ein Eintrag in den Quellen befasst sich mit der Wirtschaftskrise und dem daraus entstehenden Verbot von Fastnachtsveranstaltungen
Es wurde traurig gesungen: „Verschwunden war Narrhallas Glück, verschwunden auch der Narren Zahl, betrübt sang man: Das war einmal“

1926
Jahrhundertfeier und Festschrift-Flop


Es wurde eine Jahrhundertfeier begangen, bei der viel geboten wurde
Die Festschrift war jedoch ein Reinfall, und nur wenige Exemplare wurden verkauft
Der Verfasser erhielt sein nachträglich gefordertes „Autorenhonorar“ mit den unverkauften Nummern
Die großen Säle waren viel zu klein, sodass sich viele Besucher in die Ecken drängten

1925
Neuanfang nach dem Krieg


Präsident Hubert Kuhn zog die Jalousien des Narrenladens wieder hoch
Nahezu 600 Närrinnen und Narren versammelten sich im Friedrichsbau zur „Großen Damen- und Herrenkappensitzung“, was einen neuen Anfang markierte

1918
Kriegsende, Not und Inflation


Dem Kriegsende folgten Not und Inflation, was die Fastnachtsaktivitäten beeinträchtigte

1913
Übergabe von Narrenbuch und Lichtputzschere


Bei der Kappensitzung der Narrhalla Bühl wurden das dritte Narrenbuch (von 1826, ab 1858 als Protokollbuch geführt) und die Lichtputzschere mit einer „gesalzenen Rede“ an die „Historische Kommission Bühl“ übergeben
Im Übergabeprotokoll wurde vermerkt, dass die Lichtputzschere „War im Gebrauch der Narrhalla“
Die Lichtputzschere ist heute im Stadtmuseum ausgestellt und gilt als stummer Zeuge der Bühler Fastnacht vor dem Dreißigjährigen Krieg

 

1899
Eröffnung des Friedrichsbaus


Der Friedrichsbau (Stadthalle), eine der Narrenhochburgen, wurde in diesem Jahr erbaut

1885
Närrische Sitzungen und das Froschlied


Fünf große närrische Sitzungen der Narrhalla fanden im Hotel Koch (Fortuna), im „Deutschen Kaiser“ und in der „Brauerei Edelmann“ (Wolbert) statt
Die Narrenväter sangen das Lied von den Fröschen, eine Abwandlung des fastnachtlichen Schlachtrufs „Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz‘“

1884
Inspiration für den Narrenbrunnen


Eine Zeichnung eines Narren aus dem Narrenbuch dieses Jahres wurde von Hans-Jürgen Kintz als „Oberspendensammler“ im Rahmen der Initiative zum Bühler Narrenbrunnen wieder aufgegriffen

1877
Historische Beschreibung der Fastnacht


Karl Reinfrieds ,,Kurzgefasste Geschichte der Stadtgemeinde Bühl im Großherzogthum Baden“ erschien und beschrieb darin das Bühler Narrengericht und Narrenbuch

1875
Offizielle Vereinsregistereintragung der Narrenzunft


Die Eintragung der Narrenzunft ins Vereinsregister erfolgte in diesem Jahr
Anfänglich waren die Narren jedoch recht “schreibfaul”, sodass kaum Eintragungen gemacht wurden

 

1867
Entwicklung alemannisch-rheinischer Traditionen


Das Narrenbuch enthielt eine närrische “Erleuchtung” über die Wirkung von Bier auf die Zunge: „Hat das Bier den Kopf erleuchtet, Dann erst strahlt das wahre Licht“
Im 19. Jahrhundert begann sich die Bühler Fastnacht als eine Mischung aus alemannischen und rheinischen Traditionen zu entwickeln
Zahlreiche Veranstaltungen wie Maskenbälle und närrische Märkte etablierten sich, und humoristische Sitzungen sowie Umzüge wurden Höhepunkte des Fastnachtsprogramms

1862
Prinz Karneval und Protokolle


Ab diesem Jahr wurde jährlich ein „Prinzen Karneval, Graf von Vimbi” gekürt, der öffentlich mit Prinzessin Bülottia verlobt wurde
Dabei wurden lange, humoristische Protokolle vom Staatsschreiber Johann Fraaß verlesen

1867
Entwicklung alemannisch-rheinischer Traditionen


Das Narrenbuch enthielt eine närrische “Erleuchtung” über die Wirkung von Bier auf die Zunge: „Hat das Bier den Kopf erleuchtet, Dann erst strahlt das wahre Licht“
Im 19. Jahrhundert begann sich die Bühler Fastnacht als eine Mischung aus alemannischen und rheinischen Traditionen zu entwickeln
Zahlreiche Veranstaltungen wie Maskenbälle und närrische Märkte etablierten sich, und humoristische Sitzungen sowie Umzüge wurden Höhepunkte des Fastnachtsprogramms

 

 

1858
Das Narrenbuch wird Protokollbuch
Ab diesem Jahr wurde das Narrenbuch als Protokollbuch geführt
Es enthielt ein in Reimen abgefasstes Narrengesetz des Beamten Sonntag, das festlegte: „Hier wird vor allem vorausgesetzt, dass keinen irgendein Spaß verletzt.“
1847
Literarische Würdigung der Bühler Fastnacht
Wilhelm von Chézy berichtet in seinem historischen Roman „Der Bäcker von Bühl“ vom Bühler Narrendaddel und dem Narrenbuch
Das „Universal-Lexikon des Großherzogtums Baden“ aus diesem Jahr erwähnt die alte „Bühler Narrengesellschaft“ und ihr berühmtes Narrenbuch
1838
Erwähnung der Narrengesellschaft in einem amtlichen Buch


Baden geographisch und malerisch beschrieben von A. J. A. Heunisch und Aloys Schreiber wird erwähnt, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch eine Narrengesellschaft bestand, deren Akten damals noch vorhanden waren (heute leider nicht mehr)

1826
Das dritte Narrenbuch und die Neugründung der Zunft
Dieses Jahr markiert einen Fixpunkt in der Geschichte der Bühler Fastnacht
Das „pudelnärrische“ dritte Narrenbuch, welches bis heute erhalten ist, datiert auf dieses Jahr
Die damit verbundene Neugründung der Bühler Narrenzunft belebte alte Traditionen und legte den Grundstein für die heutige Struktur der Bühler Fastnacht
Florian Fritz, der „Kaffeefritz“, legte es an und bezeichnete es auf dem Titelblatt als „Fortsetzung des ersten unbekannt wo abwesenden Bandes, also 1.ster Band“
Das Buch ist in ein Schafsfell gehüllt, mit einem flauschigen Lämmerschwanz als Lesezeichen, und besteht aus Pergament und handgeschöpftem Büttenpapier
Es enthält ein „vorlautes Vorwort“ von „Hanswurst XIII“ (dem Rindfußwirt Pfaadt), das zum jährlichen Füllen des Narrenbuches aufrief und die Freiheit des Narrenvolkes betonte
ca. 1820
Die Suche nach dem zweiten Narrenbuch
Im Gasthaus „Rindfuß“ kam alljährlich um die Fastnachtszeit eine Gesellschaft fröhlicher Leute zusammen
Der damalige Rindfußwirt Florian Fritz, der „Kaffeefritz“, unternahm Reisen nach Württemberg, um das zweite Narrenbuch zu suchen, da das Gerücht ging, ein Handwerksbursche hätte es gestohlen und dorthin verschleppt. Seine Recherchen blieben jedoch erfolglos

 

 

1810
Rätsel um den Verbleib des zweiten Narrenbuches
Der Verbleib des zweiten Narrenbuches ist ungewiss
Gerüchte reichen vom Verkauf durch einen ungetreuen Zunftmeister an einen Raritätenhändler, über schlichten Diebstahl und Verschleppung nach Württemberg bis zur absichtlichen Vernichtung
Andere Hinweise verorten das Narrenbuch nach Herrmanstadt in Siebenbürgen
1750-1800
Verbote der Narrenzunft
Die Narrenzunft trieb es wohl zu toll und wurde deshalb zweimal von Markgraf Georg August verboten
Trotzdem hat sich die Erinnerung an Zunft und Buch in Bühl und der Nachbarschaft erhalten; „Bühler Narr“ galt als gewöhnliches Stich- und Schimpfwort für die Bühler
1701-1704
Kirchliche Zensur und die Verbrennung des ersten Narrenbuches
Das erste Bühler Narrenbuch war der Kirche ein Dorn im Auge und wurde als skandalös angesehen, da es „triefend von Neckereien und schlüpfrigen Witzen“ war
Eine Handschrift im vatikanischen Archiv bezeugt die baldige Zensur
Ein Missionspater schwärzte nach Beratung mit dem Zunftmeister anrüchige Stellen in einem dort geführten Narrenbuch. Die verbliebenen Passagen wurden in ein neues Narrenbuch übertragen, und das ursprüngliche Buch wurde verbrannt
1701
Entstehung des zweiten Narrenbuches
Durch die kirchliche Zensur und Verbrennung des ersten Buches entstand das zweite Bühler Narrenbuch
Es war zunächst nicht mehr als die zensierte Abschrift des ersten Narrenbuches
ca. 1700
Erwähnung in Geschichtsbüchern

Kaum ein badisches Geschichtsbuch dieser Zeit erwähnt nicht die alte „Bühler Narrengesellschaft“ und ihr berühmtes Narrenbuch

Über 25 historische Quellen, darunter Werke von Major Heinrich von Medicus, August Schnetzler, Carl von Beust und Karl Reinfried, zeugen davon

 

1622
Zerstörung Bühls durch die Kroaten
Bühl wurde von den Kroaten in Schutt und Asche gelegt
Der Spruch „Zwei Gerichte und kein Rathaus, Zwei Pfarrer und kein Pfarrhaus, Zwei Thore und doch keine Stadt“ galt
Trotz der dreifachen Zerstörung Bühls in diesem Jahrhundert und der Überlastung der Einwohner durch Kriege und Steuern, konnte sich eine lustige Narrengesellschaft bilden
Die Region Bühl ist für ihren feurigen Wein bekannt, und die Bühler galten von jeher als lebensfrohes Völkchen
1618
Beginn des Dreißigjährigen Krieges: Ulrich Rintschlers Berichte
Ulrich Rintschler schrieb zahlreiche Berichte über die damaligen Lebensverhältnisse in Bühl
Nur wenige dieser aufschlussreichen Berichte sind erhalten geblieben

 

 

ca. 1600
Jahrhundert: Der Narrendaddel und seine Rolle
In diesem Jahrhundert übte Theodor Kunz, genannt ‚Kunze Dorus‘ (ein verkrachter Student und Korbmacher), das Ehrenamt als Schreiber des Narrenbuches aus
Er wurde während der Fastnacht wie ein König gefeiert
Der Narrendaddel zog mit dem gefürchteten Narrenbuch durch die Bühler Wirtshäuser, darunter dem „Bäcker von Bühl“, Qualbert Perger, und hielt das Narrengericht ab
In seinem Schlepptau hatte er Figuren wie Pickelhäring, Pelznickel und Knecht Ruprecht mit schreckhaften Masken sowie die eiserne Lichtputzschere zur Vollstreckung der Strafen
Das Narrenbuch war berüchtigt und gefürchtet, da es alle dummen oder schlechten Streiche verzeichnete und diese öffentlich vorgelesen wurden, um Torheiten und Laster zu geißeln
Theodor Kunz wurde auf einer Zechtour von unbekannter Hand erschlagen und in den Mühlkanal geworfen
1534
Das Alter der Lichtputzschere
Die eiserne überdimensionale Lichtputzschere mit dieser eingeschlagenen Jahreszahl und einer strahlenden Sonne ist das älteste und eines der wichtigsten Requisiten der Bühler Fastnacht
Sie diente dazu, „jedem das Licht geputzt“ zu bekommen, wenn es „im Oberstüble nicht mehr so richtig hell war“, und wurde zur symbolischen Bestrafung eingesetzt
Das „Lichtputzen“ war vermutlich ein Privileg eines Landesfürsten, etwa des Markgrafen von Baden